Monterey galt einmal als „Welthauptstadt der Sardinen“ und brachte es mit seinen vielen Fischkonservenfabriken zu Wohlstand. Heute gehen hier vor allem Touristen ins Netz. Portrait einer kalifornischen Küstenkleinstadt, die Literaturgeschichte schrieb.

von Alexander Nebe

Von Sardinen- und Touristenschwärmen: John Steinbeck

Nobelpreisträger John Steinbeck ist es zu verdanken, dass noch heute Literaturfans in die kleine Hafenstadt pilgern (Bild © George Mattson / NY Daily News Archive via Getty Images)

Es ist vor allem einem Mann zu verdanken, dass dieses malerische Fleckchen Erde bis heute zu den beliebtesten Touristenzielen und Sehnsuchtsorten der USA zählt: John Steinbeck. Hätte er vor 72 Jahren nicht seinen Roman „Cannery Row“ veröffentlicht – wahrscheinlich würde kein Hahn mehr nach Monterey krähen. Doch seit der Literaturnobelpreisträger seiner Heimatregion ein Denkmal setzte, strömen jedes Jahr weit mehr als fünf Millionen Besucher in das 30.000 Einwohner zählende und an der kalifornischen Pazifikküste gelegene Hafenstädtchen. Hauptanziehungspunkt: natürlich „Die Straße der Ölsardinen“, so der deutsche Titel des Erfolgsbuchs. Eine endlos erscheinende Reihe von Fischkonservenfabriken, die sich jahrzehntelang direkt an der Wasserseite Montereys erstreckte. In Steinbecks episodenhaftem Werk ein Schnittpunkt, an dem sich die Wege seiner Hauptfiguren immer wieder kreuzen. Die meisten Fabriken aus jenen Tagen sind schon vor langer Zeit abgerissen worden. Ein paar sanierte man dann aber doch. Sie beheimaten heute Souvenirläden, eine irische Bierbar, vegetarische Restaurants, Cafés, schicke Boutiquen, Lounges oder gar Luxushotels. Zudem zeugen auch noch einige der früheren Firmennamen von der stolzen Sardinenhistorie.

 

Von Sardinen- und Touristenschwärmen: Fischfabrik

Die Hovden Cannery beschäftigte zeitweise bis zu 400 Arbeiter – darunter viele Frauen (Bild © Mr. Pat Hathaway photo collection, Monterey, CA)

„Cannery Row ist die Gegend der Ölsardinen und Konserven, ist ein Gedicht und ein Gestank, ein Knirschen und Knacken, ein Leuchten und Singen, eine Lebensweise, eine Sehnsucht, ein Traum“, beginnt Steinbeck seinen Klassiker. Die meisten Fabrikarbeiter empfanden sie aufgrund der katastrophalen Arbeitsbedingungen, der Unfallstatistiken und niedrigen Löhne damals wohl eher als Albtraum. Zweifelsfrei aber war die Cannery Row, die eigentlich Ocean View Avenue hieß und erst 1958 zu Steinbecks Ehren offiziell umbenannt wurde, jahrzehntelang Motor für Wohlstand und Weltruf des Städtchens. Eine Erfolgsgeschichte, die 1902 ihren Anfang nahm. In diesem Jahr ließ Frank Booth die erste Fischkonservenfabrik errichten. Andere taten es ihm gleich und zunächst schien es so, als würde es immer nur weiter bergauf gehen. Das Geschäft brummte vor allem in den Jahren des Ersten Weltkriegs, als die Fischkonserven zur festen Marschverpflegung der US-Soldaten in Übersee zählten. So stieg die Zahl der jährlich abgefüllten Dosen zwischen den Jahren 1915 und 1918 von 75.000 auf fast anderthalb Millionen.

Dann traf die Weltwirtschaftskrise auch Monterey. Bis der Zweite Weltkrieg für einen erneuten Aufschwung sorgte, weil die haltbar abgepackten Sardinen zu den wichtigsten Nahrungsquellen der GIs der 40er Jahre zählten. Neue Fischkonservenfabriken wurden aus dem Boden gestampft, alte wieder in Stand gesetzt. Das Städtchen wächst zu einem der größten Fischereihäfen der Welt neben dem norwegischen Stavanger heran und bekommt zwischenzeitlich sogar den Spitznamen „Welthauptstadt der Ölsardinen“. Die berühmte ovale Sardinendose von Booth’s genießt in den USA auch heute noch einen

Von Sardinen- und Touristenschwärmen: Sardinendose, Ikone von Monterey

Ikone von Monterey: Die Booth’s-Sardinendose wurde als Militärverpflegung weltberühmt (Bild © Booth’s Crescent Brand Sardines)

ikonenhaften Status. Doch der extreme Boom hatte dramatische Folgen: Überfischung brachte die Bestände in den einst übervollen Gewässern vor der Pazifikküste gegen Mitte der 50er Jahre zum Einbruch – und sie erholten sich nie wieder. Immer mehr Konservenfabriken mussten aufgeben. „Für eine gewisse Zeit wurden in den Fabriken noch diverse Früchte oder auch Thunfisch verarbeitet. Doch 1973 schloss mit der Hovden Cannery auch die letzte Produktionsstätte“, sagt Uni-Professorin und Cannery-Row-Expertin Susan Shillinglaw. Heute steht an dieser Stelle eine der neuen Hauptattraktionen der Region: das berühmte Monterey Bay Aquarium, eines der größten Schauaquarien der Welt, das allein 2015 mehr als zwei Millionen Besucher anlockte.

Manche Kritiker bemängeln, dass Monterey seinen ursprünglichen Charme bereits vor langer Zeit verloren habe und heute nur noch eine reine Marketingkulisse sei – eine Art Disneyland für Erwachsene. Kritik, die Susan Shillinglaw nicht gelten lässt: „Es wurde stets darauf geachtet, dass der Kommerz nicht aus dem Ruder läuft und der Charakter Montereys erhalten bleibt.“ Zudem kämen viele Touristen auch wegen der atemberaubend schönen Landschaften in der direkten Umgebung. „Die Monterey Bay zählt zu den ökologisch vielfältigsten Regionen in ganz Kalifornien“, sagt Shillinglaw. Obwohl der Fischfang schon lange keine Rolle mehr spielt, liegen auch heute noch diverse Kutter an den Piers, um Touristen zum Hochseefischen in die Bucht hinauszufahren.

 

 

Mehr über Monterey:

www.monterey.com