Alejandro Velez und Nikhil Arora, zwei junge Männer aus Oakland, die Anzug und Krawatte gegen Gartenschürzen eingetauscht haben. Mit ihrem Organic-Food-Unternehemen möchten sie Familien dazu inspirieren, auf der heimischen Fensterbank eigenes Gemüse zu züchten und damit einen kleinen privaten Beitrag zum wichtigen Zukunftsthema Nachhaltigkeit zu leisten. Dabei spielt auch die Lebensmitteldose einen nicht unwichtige Rolle.

von Alexander Nebe

 

Einen eigenen Kräutergarten auf der Küchenfensterbank anlegen? Leichteste Übung! Vier Handgriffe, mit denen das gekaufte Dosenquartett dank Abziehfolie sekundenschnell geöffnet wird, und der erste Schritt ist getan. Jetzt noch 150 Milliliter Wasser auf die Biopflanzenkohle gießen, die jeweils mitgelieferte Saat unterheben, Dosen ans Fenster stellen und der Natur ihren Lauf lassen. Nach ungefähr zehn Wochen steht der ersten Ernte von Basilikum, Dill, Salbei und Koriander in Bioqualität nichts mehr im Wege. Frische Kräuter aus der Dose, die unkompliziert selbst gezüchtet werden können, sind eines von 14 Produkten, die „Back to the Roots“ in den USA anbietet. Und das mit großem Erfolg. Allein 2016 setzte das kalifornische Unternehmen mehr als 14 Millionen Dollar um und steigerte damit sein Ergebnis im Vergleich zum Vorjahr um rund 20 Prozent. Und alles spricht dafür, dass dieses Wachstum auch in den kommenden Jahren anhält. Denn die beiden Gründer Alejandro Velez, 30, und Nikhil Arora, 31, sind in einem Markt unterwegs, der selbst in den bis heute als Fast-Food-Country berüchtigten USA immer stärker boomt: frische Lebensmittel in Bioqualität.

 

„Wir möchten Familien und vor allem Kinder dazu inspirieren, ihr eigenes Gemüse anzupflanzen. Es zu züchten und zu ernten. Und zu sehen, was das für ein wunderbarer und faszinierender Vorgang ist. Es ist doch wichtiger denn je, dass wir Menschen wieder ein Bewusstsein für unsere Ernährung entwickeln: Wo kommt sie her und was genau  ist eigentlich darin enthalten?“, so Nikhil Arora. Die Macher von „Back to the Roots“ möchten vor allem die junge Generation dazu motivieren, sich wieder mehr mit diesen Themen zu beschäftigen. Außerdem sind sie der Meinung, dass Gartenarbeit und Ernährung wichtige und notwendige Lernfächer sind, die in jeder Schule zum Standardunterricht zählen sollten – genau wie Mathe, Englisch oder Physik. Deshalb können sich Kids, Eltern und Lehrer sogar kleine, ebenso einfach wie ansprechend aufbereitete Lehrpläne auf der „Back to the Roots“-Website herunterladen, die mehr Hintergrundwissen für die Gartenarbeit zu Hause oder in der Schule bereithalten. Eine weitere Message der jungen Gründer: Ihr braucht keinen grünen Daumen oder großen Garten, um gesundes Gemüse anzubauen. Es geht auch ganz unkompliziert auf der Fensterbank oder im Klassenzimmer und macht dabei auch noch richtig Spaß! Heute verkaufen die beiden Jungunternehmer neben dem „Garden-In-A-Can“-Kräuterset unter anderem auch Cherry-Tomaten, die der Kunde ebenfalls bei sich zu Hause züchten kann und deren Selbstbewässerungssystem nur einmal pro Woche nachgefüllt werden muss. Außerdem im Sortiment: verschiedene Frühstückscerealien in Bioqualität, ohne Zucker bzw. künstliche Zusatzstoffe, sowie eine Do-it-yourself-Austernpilz-Farm, die neben den bereits erwähnten Dosenkräutern zu den Bestsellern von „Back to the Roots“ zählt.

 

„Wir möchten Familien und vor allem Kinder dazu inspirieren, ihr eigenes Gemüse anzupflanzen. Es zu züchten und zu ernten.“

 

Apropos Austernpilz-Farm: Sie bildet vor neun Jahren den Grundstein für den Durchbruch der beiden langjährigen Freunde aus Oakland. Alles beginnt 2009 an der University of California in Berkeley, wo die zwei im letzten Semester studieren und bereits spannende Job-Angebote in der Tasche haben. Alejandro als Investmentbanker an der New Yorker Wall Street und Nikhil als Unternehmensberater. Der weitere Lebensweg scheint programmiert, bis die jungen Männer eine Vorlesung über Wirtschafts und Unternehmensethik besuchen. „Dort dozierte einer der Professoren über die Möglichkeit, mit Kaffeesatz essbare Pilze zu züchten. Eine faszinierende Vorstellung, auf die Nikhil und ich vom ersten Moment an angesprungen sind“, erinnert sich Velez. Sie wollen mehr wissen und es selbst ausprobieren, und deshalb fackeln sie auch nicht lange. Nach eingehender Sichtung von Tutorials auf YouTube versorgen sie sich mit einer XL-Portion Kaffeesatz aus dem Uni-Coffeeshop, zehn leeren Farbeimern und mit vom lokalen Pilz-Guru zur Verfügung gestellten Sporen. Das Experiment im in der gemeinsamen Studentenbude einge richteten Pilzlabor 1.0 kann beginnen. Und endet mit einem ziemlich ernüchternden Ergebnis: Neun Eimer entpuppen sich als Blindgänger. Nur im zehnten wachsen die Pilze in voller Pracht. Immerhin! Als die lokale vegane Promi-Köchin Alice Waters die erste Ernte auch noch geschmacklich und qualitativ mit einem „Daumen hoch“ bewertet und die beiden Studenten von der Universität mit einem Startkapital in Höhe von 5.000 Dollar bedacht werden, ist für Alejandro und Nikhil klar, wohin zukünftig die Reise geht.

 

Back to the Roots Gründer

© Back to the Roots

Doch zunächst werden sie für verrückt erklärt. Immer wieder! Vielversprechende Karrieren an den Nagel hängen, um Austernpilze zu züchten? Um sich auf ein Terrain zu begeben, von dem beide bislang keinen blassen Schimmer haben? „Ich konnte die irritierten Reaktionen mehr als gut verstehen“, sagt Nikhil Arora. „Doch das anfänglich fehlende Wissen über die Materie glichen wir mit Leidenschaft und Begeisterung wieder aus.“ Ihr Elan zahlt sich irgendwann aus: Immer mehr Restaurants und Frischekost-Händler in Oakland nehmen den Männern ihre Ware ab. Ein Jahr nach der Gründung von „Back to the Roots“ produzieren die beiden 500 Pfund Pilze pro Woche, doch das Geschäft läuft noch lange nicht so rund, wie es eigentlich soll. In dieser Zeit keimt bei besonders treuen Kunden der Wunsch die Austernpilze auch bei sich zu Hause züchten zu können. Die Idee des „Organic Mushroom Farm“-Sets ist geboren. Eine Idee, die einerseits ganz neue Wachstumsmöglichkeiten am Markt bietet, andererseits das Start-up aber auch vor neue Herausforderungen stellt. Ein eigenes Branding, weitere Produkte und ein überzeugendes Verpackungskonzept müssen her. Alejandro Velez resümiert: „Dass wir nie daran gezweifelt hätten, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind, kann ich nicht behaupten. Dafür haben uns gerade in der Anfangsphase zu viele Menschen immer wieder gesagt, dass wir die falschen Entscheidungen treffen oder gar scheitern würden.“ Doch Alejandro und Nikhil geben nicht auf. Bleiben dran. Sie verändern, verbessern und reagieren. Bis die Saat endlich mit voller Kraft aufgeht und große US-Handelsketten wie „Whole Foods“ und „Target“ die Produkte ins Sortiment aufnehmen. Heute pflegt „Back to the Roots“ nicht nur Partnerschaften mit „Amazon“ oder „Campbell Soup“, sondern auch mit dem internationalen Gemeinschaftsverpflegungs-Riesen „Sodexo“. Der etabliert die Bio-Frühstücksflakes an immer mehr US-Schulen und macht es zudem möglich, dass die Home-Gardening-Sets wie der Kräutergarten aus der Dose dort im Anschauungsunterricht zum Einsatz kommen. Längst gilt „Back to the Roots“ als eines der US-Jungunternehmen mit dem größten Potential. Immer wieder sollen die Gründer ihre spannende Story in News- oder Talkshows erzählen. Und sogar Ex-Präsident Barack Obama schüttelte Velez und Arora schon die Hand.

 

Warum sich die „Back to the Roots“-Macher bei ihrem Kräutergarten-Set für die Lebensmitteldose entschieden haben, hat gleich mehrere Gründe: „Nachhaltigkeit ist in unserem Unternehmen einer der wichtigsten Gesichtspunkte. Und allein schon wegen der unschlagbar hohen Recyclingquote, punktet die Dose in Sachen Nachhaltigkeit“, sagt Nikhil Arora. „Außerdem ist sie familienfreundlich. Sollte die Kräuterdose zum Beispiel mal aus Kinderhänden rutschen, geht nichts zu Bruch und es drohen keine Scherben.“ Weitere Argumente für diese Art der Verpackung: Sie ist robust, perfekt zu stapeln und unkompliziert im Online-Geschäft zu versenden. Seine jungen Fans liegen dem Unternehmer-Duo ganz besonders am Herzen: „Es begeistert und rührt mich immer wieder zu sehen, wie gerade Kids auf unsere Produkte abfahren. Wie sehr ihre Augen leuchten, wenn nach ungefähr zehn Tagen die Austernpilze zu sprießen beginnen“, erzählt Alejandro Velez. Vielen Müttern ginge es oft in erster Linie gar nicht um die Produkte selbst, sondern um den spannenden Prozess, den sie ihrem Nachwuchs zeigen können, gibt er amüsiert zu. Und das Feedback der kleinen und großen Kunden ist überwältigend. „Bis heute haben wir tausende von Fotos auf Instagram und Facebook gesichtet, die Familien beim Züchten von Pilzen oder Ernten von Kräutern zeigen. Oft verbunden mit rührenden Dankes-Messages. Es gibt nichts, was uns mehr freut und inspiriert“, so Velez. Kein Wunder, dass sich Alejandro Velez und Nikhil Arora für die kommenden Jahre große Ziele gesetzt haben. Zum Beispiel, dass ihre Produkte in jedem Supermarkt der USA in den Regalen stehen. Oder dass ihre Home-Gardening-Sets zu einem festen Teil der Schulbildung werden. Auch der europäische Markt ist inzwischen längst im Visier, wie Arora verrät: „Wir müssen nur noch den richtigen Partner finden, der uns dabei unterstützt.“ Dann könnten die pädagogisch wertvollen Dosen schon bald den deutschen Markt erobern.

 

 

Mehr über „Back to the Roots“:

www.backtotheroots.com