Das Magazin der
Initiative Lebensmitteldose

Sprachlicher Fehlgriff mobilisiert Urängste

Viele Lebensmittel landen im Müll, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Der Hauptgrund dafür: Die Zeitangabe wird oft falsch interpretiert und steht im Zusammenhang mit irrationalen (Ur-)Ängsten. Warum eigentlich? Woher kommt die MHD-Panik der Deutschen? Und was sind die Wege aus diesem Dilemma?

Von Heike Hucht
Knapp ein Drittel der Konsumenten wirft Lebensmittel weg, weil sie zu viel gekocht (32 Prozent) oder eingekauft (29 Prozent) haben. Bei jedem Fünften ist das überschrittene Mindesthaltbarkeitsdatum Grund genug, die Produkte in den Müll zu befördern. Zu diesem Ergebnis kommt eine forsa- Studie im Auftrag der Direktbank RaboDirect. Etwa die Hälfte der abgelaufenen Lebensmittel werden sogar ungeöffnet entsorgt. Dabei ständen die Chancen gut, dass man sie noch bedenkenlos essen könnte. Je nach Produkt nicht nur mehrere Tage, sondern sogar noch Wochen oder Monate nach Ablauf des MHD.

„Tatsächlich kennen viele Verbraucher nicht den Unterschied zwischen Mindesthaltbarkeits- und Verbrauchsdatum, das erleben wir immer wieder in Gesprächen“, berichtet Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Richtig ist: Das Verbrauchsdatum bezeichnet den Tag, an dem leicht verderbliche Produkte wie Hackfleisch und Fisch spätestens verzehrt werden sollten. Dagegen stellt das MHD eine Art Gewährleistung dar. Der Hersteller garantiert bis zu diesem Zeitpunkt, dass man das ungeöffnete Lebensmittel ohne Qualitätseinbußen genießen kann, also Geruch, Geschmack und Nährwerte unverändert sind. Immer vorausgesetzt, es wurde durchgehend wie auf der Verpackung empfohlen gelagert.
„Eine genetische Programmierung, die uns viele Jahrhunderte vor Vergiftungen beschützt und damit das Überleben der Spezies gesichert hat. Daran hat sich trotz aller Errungenschaften bis heute nichts geändert.“
Flyer zum Mindesthaltbarkeitsdatum vom BMEL
Ob „Mindestens haltbar bis“ oder „Zu verbrauchen bis“: Beide Daten legt der Hersteller fest. Schließlich kennt er die Eigenschaften seiner Erzeugnisse am besten, informiert das BMEL auf seiner Seite über die Initiative „Zu gut für die Tonne“. „Verdorben oder ungenießbar sind die meisten Produkte nach Ablauf aber oft noch lange nicht“, so Armin Valet. Denn viele Hersteller kalkulieren mit großzügigen Puffern.

Wie lange ein Produkt noch jenseits des MHD genießbar ist, hängt nicht nur von den Zutaten ab, sondern auch davon, ob es wie vom Hersteller empfohlen gelagert wurde. Dosen sind in dieser Hinsicht ausgesprochen praktisch. Sie lassen sich platzsparend bei Zimmertemperatur lagern und jederzeit zubereiten. Deshalb sind sie auch in Krisenzeiten und als Notfallverpflegung erste Wahl – die jüngsten Pandemie-Ereignisse haben das eindrucksvoll belegt: Fertiggerichte in Dosen? Über viele Wochen vergriffen! Kein Wunder, die Metallhülle schützt den Inhalt zuverlässig. Zusätzlich werden beim Sterilisieren der Lebensmittel Mikroorganismen sicher abgetötet.

Nur weil das MHD überschritten ist, gehören Konserven und andere Lebensmittel also keineswegs sofort in den Müll. Dazu Armin Valet: „Besser ist, sie erst einmal zu prüfen und dabei auf seine Sinne zu vertrauen.“ Schauen, schnuppern und vorsichtig probieren. Schnell lasse sich so herausfinden, ob etwas tatsächlich verdorben sei. Um Verbraucher*innen dafür zu sensibilisieren und praxistaugliche Tipps an die Hand zu geben, hat die Verbraucherzentrale Hamburg gemeinsam mit den Tafeln Deutschland und Wien eine Checkliste und Broschüre aufgelegt. Von Backwaren über Gewürze bis Wurst klären sie darüber auf, bei welchen Veränderungen von Farbe, Geruch oder Geschmack man ein Lebensmittel besser entsorgen sollte.
„Noch essbar“ – fast 60 Jahre nach der Herstellung.
„Mit dieser Hilfestellung“, sagt Armin Valet, „wollen wir die eigenen Kompetenzen der Verbraucher stärken, aber auch diffuse Ängste entkräften. Die Sorge, durch schlechtes Essen krank zu werden, wird ja vor allem durch Halbwissen genährt.“ Laut Gesundheits- und Ernährungspsychologe Prof. Dr. Christoph Klotter von der Hochschule Fulda sind diese Ängste so alt wie die Menschheit. „Eine genetische Programmierung, die uns viele Jahrhunderte vor Vergiftungen beschützt und damit das Überleben der Spezies gesichert hat. Daran hat sich trotz aller Errungenschaften bis heute nichts geändert.“

„Obwohl wir seit einiger Zeit in einer Überflussgesellschaft mit einem extrem ausgefeilten Lebensmittelrecht leben, sind wir noch immer anfällig für Vergiftungsfantasien“, so der Experte. „Denn: Essen ist hochemotional. Die Vernunft wird dabei weitgehend ausgeschaltet, wie Neurowissenschaftler herausgefunden haben“, erläutert Prof. Dr. Klotter. Befeuert werde die MHD-Panik außerdem durch die Begriffswahl „Mindesthaltbarkeitsdatum“. Ein sprachlicher Fehlgriff, weil die Bezeichnung wie ein Alarmknopf wirke, so der Ernährungspsychologe. Ähnlich wie der Ratschlag „Sei unbesorgt“, der eigentlich beruhigen soll und doch das Gegenteil auslöst. Aufklärungsarbeit in Sachen MHD sei deshalb nicht genug. „Menschen müssen im positiven Sinne emotional angesprochen werden.“ Wie das nach Ansicht des Experten gelingen könnte: wenn das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Hersteller, Lebensmittelrechtler, Politiker und Konsumenten an einen Tisch bringen würde, um gemeinsam eine Formulierung zu erarbeiten, die nicht an uralten tiefsitzenden Ängsten rührt, sondern positiv besetzt ist.
Dosenbrot aus dem Zweiten Weltkrieg
Bis dahin werden diese Urängste wohl noch so manches genießbare Lebensmittel völlig zu Unrecht in den Abfall befördern. Es sei denn, die Verpackung hat sich als Frischegarant bewährt: Ob als Proviant beim Camping, für die alltägliche Vorratshaltung oder bei Hamsterkäufen – die Lebensmitteldose hat in ihrer mehr als 200-jährigen Geschichte ein enormes Vertrauen und vor allem Praxiswissen bei den Konsumenten aufgebaut.

Dass der Inhalt meistens sehr viel länger frisch bleibt als auf der Dose angegeben, beweisen nicht nur eigene Erfahrungen, sondern auch besondere Fundstücke: In Niedersachsen hatte ein Rentner 2002 einen Karton mit Dosenbrot aus dem Zweiten Weltkrieg in seiner Garage entdeckt. Das Ergebnis nach Untersuchung des Inhalts durch die örtliche Lebensmittelüberwachung: „noch essbar“ – fast 60 Jahre nach dessen Herstellung. Das außergewöhnliche Stück Zeitgeschichte wird inzwischen im Europäischen Brotmuseum in Ebergötzen in der Nähe von Göttingen aufbewahrt.
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