Das Magazin der
Initiative Lebensmitteldose

Das sind die Helden an der Retter-Front

Sie hinterfragen, gehen neue Wege, klären auf: Überall im Land setzen sich Menschen auf unterschiedliche Weise gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln ein – mit Rettungsaktionen, Kochshows oder politischem Engagement. Was treibt die Foodwaste-Aktivisten an?

Von Mona Fornol
Michael Schieferstein
Getrieben von seiner großen Leidenschaft fürs Kochen bewirbt sich Michael Schieferstein Ende der 80er für eine Kochlehre. Doch als Legastheniker in der damaligen Zeit bekommt er nur einen Job als Spüler. Als einer der Lehrlinge kündigt, erhält der Mainzer seine Chance – und weiß sie gut zu nutzen: Nach wenigen Wochen hat er die Ausbildungsstelle in der Tasche, gewinnt sogar Kochmeisterschaften und beendet seine Lehre schließlich als Jahrgangsbester. Danach treibt es den jungen Koch in die Ferne. Mehrere Jahre kocht Schieferstein in den Top-Restaurants Europas, reist um die ganze Welt, trifft auf fremde Kulturen, regionale Speisen, aber auch auf Menschen, die in völliger Armut leben. Eltern, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder satt kriegen. Bilder, die ihn nicht mehr loslassen. Der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung beginnt.

30 Jahre später, ein Vormittag in der Goethe-Grundschule in Mainz. Die ganze Klasse lauscht gespannt, was sie wohl heute kochen dürfen. Michael Schieferstein erklärt den Schülern, woher die Zutaten stammen, zeigt ihnen Handgriffe und Kochtechniken, die schon fast in Vergessenheit geraten sind.
Aus Zutaten, die in der Küche übrig bleiben, kocht er Gerichte, die über die Tafel an Obdachlose verschenkt werden – damals noch eine rechtliche Grauzone: „Das war verboten, obwohl die Lebensmittel noch nicht mal beim Gast waren.“
Zum Beispiel das Einmachen: „Das ist eine ganz einfache Methode, um Essensreste vor der Tonne zu bewahren. Im Einmachglas sind die Lebensmittel über Jahre haltbar – und in der Dose sogar noch länger“, erklärt der Profikoch. Nach Erhitzungsverfahren wie Sterilisation oder Pasteurisation sind in der Lebensmitteldose keinerlei Mikroorganismen oder Enzyme mehr aktiv. Vitamine und Nährstoffe hingegen bleiben erhalten, werden in der Weißblechhülle vor äußeren Einflüssen wie Wärme oder Sauerstoff geschützt – eine rein natürliche Konservierung, die sich für mehr als 1.500 verschiedene Lebensmittel eignet. Lebensmittel haltbar machen, richtig lagern und verarbeiten: Mit Themen wie diesen wendet sich Schieferstein ganz bewusst an die junge Generation. „Ich möchte bei den Konsumenten von morgen ein Bewusstsein schaffen für gesunde, nachhaltige Ernährung und damit das Problem der Lebensmittelverschwendung an der Wurzel packen“, erzählt der Nachhaltigkeitsexperte, der seit acht Jahren mit seinem Bildungsprojekt FoodFighters in Schulen unterwegs ist. Wie viele Lebensmittel in Deutschland tatsächlich im Abfall landen, hat Michael Schieferstein vor Jahren mitaufgedeckt.
Michael Schieferstein bei der Aktion „Kochen für Bedürftige“ in Mainz
Als einer der Ersten fängt er 2006 an zu „containern“, rettet noch genießbare Lebensmittel aus den Mülleimern von Supermärkten und versucht das Thema so in die Öffentlichkeit zu bringen. Damals ist er Küchenchef in der „Alten Patrone“ in Mainz und geht auch dort neue Wege: Aus Zutaten, die in der Küche übrig bleiben, kocht er Gerichte, die über die Tafel an Obdachlose verschenkt werden – damals noch eine rechtliche Grauzone: „Das war verboten, obwohl die Lebensmittel noch nicht mal beim Gast waren. Ich habe ein Sterne-Essen für Obdachlose gekocht und wurde dafür sogar angezeigt“, erinnert sich Schieferstein. Acht Anzeigen bekommt der Food- Aktivist, doch er kämpft weiter. Zu dieser Zeit lernt er auch den Dokumentarfilmer und Journalisten Valentin Thurn kennen. Gemeinsam starten die beiden in Mainz „Taste the Waste“ – eine Kochshow mit geretteten Lebensmitteln. 2011 bringt Valentin Thurn mit dem gleichnamigen Dokumentarfilm die Missstände der Lebensmittelverschwendung wie nie zuvor in die Öffentlichkeit. Schieferstein wird zum gefragten Nachhaltigkeitsexperten, berät die Bundesregierung und tritt als Deutschland-Botschafter auf der Expo in Mailand auf. Endlich scheint sich etwas zu bewegen, das Thema nimmt bundes- und EU-weit Fahrt auf. Doch Michael Schiefersteins Kampf ist noch lange nicht vorbei – hält bis heute an. In Rheinland- Pfalz plant der Koch derzeit sein nächstes großes Projekt, eines der nachhaltigsten Restaurants Deutschlands, und möchte damit Gastronomen im ganzen Land zum Mitmachen bewegen.
Hanna Legleitner
Das Team von RESTLOS GLÜCKLICH macht schon früh auf das Problem der Lebensmittelverschwendung durch Ernährungsbildung in Schulen aufmerksam.
Aufklären und Inspirieren – nach diesem Motto bekämpft auch Hanna Legleitner die Verschwendung von Lebensmitteln. Als die 35-Jährige das erste Mal bei einer Lebensmittelrettung dabei war, konnte sie es kaum fassen: Kisten voller Obst und Gemüse, riesige Mengen an Backwaren und zahlreiche weitere Lebensmittel – alles noch genießbar und doch für die Tonne bestimmt? Die Berlinerin wusste sofort, dass sie handeln muss: „Wir haben so viel gerettet, dass ich igendwann aufgehört habe einzukaufen. Da wurde mir immer klarer, dass ich noch mehr gegen diesen Irrsinn tun möchte“, erzählt die Aktivistin. Ihr Weg führte sie zu RESTLOS GLÜCKLICH, einem Berliner Verein, der aussortierte Lebensmittel aus Supermärkten rettet und diese auf Kochevents und bei Bildungsworkshops verarbeitet. Und das bedeutet: kein Kochen nach Plan, sondern nach dem Zufallsprinzip, je nachdem welche Produkte die Retter mitgebracht haben. „Das ist immer eine kleine Challenge, aber gerade diese kreative Arbeit liebe ich besonders und es ist Wahnsinn, was für tolle Gerichte wir jedes Mal kreieren“, erzählt die Lebensmittelexpertin. Da wird aus Möhrengrün ein würziges Pesto, Sellerie und Trauben vereinen sich zu einem frischen Salat und die Dose Kidney-Bohnen landet im Thai-Curry. Weißblechdosen sind allerdings selten unter den geretteten Lebensmitteln, wie Hanna Legleitner zu berichten weiß: „Das liegt natürlich daran, dass Lebensmittel in Dosen länger haltbar sind und beim Transport oder der Lagerung weniger leicht beschädigt werden.“
„Wir haben so viel gerettet, dass ich irgendwann aufgehört habe einzukaufen.“
Tatsächlich sind Lebensmitteldosen mit ihrer einzigartigen Form nahezu unzerstörbar, stecken Schläge oder Stöße problemlos weg. Selbst wenn die Verpackung einmal eine Delle bekommt, bleibt ihr Inhalt dank einer elastischen Beschichtung auf der Innenseite stets geschützt. Diese Robustheit ist ein entscheidender Vorteil der Dose, denn schon auf dem Weg zum Verbraucher gehen in Deutschland 48 Prozent der Lebensmittel verloren – angefangen bei der Erzeugung und Weiterverarbeitung über den Groß- und Einzelhandel bis zur Gastronomie. Und dabei spielen nicht nur Transportschäden eine Rolle: In der Landwirtschaft beispielsweise verderben Erzeugnisse durch falsche Lagerung oder werden in Massen aussortiert, da sie nicht den optischen Ansprüchen des Verbrauchers entsprechen. Eine Gefahr, die sich mit der Weißblechverpackung ausschließt. Denn die Optik ist beim Eindosen nicht entscheidend.

Da Lebensmittelverschwendung in der gesamten Wertschöpfungskette und nicht nur beim Verbraucher stattfindet, geht RESTLOS GLÜCKLICH immer öfter ins Gespräch mit Politik, Handel und Industrie. „Wenn wir die Lebensmittelverschwendung wirklich minimieren wollen, gilt es, an all diesen ‚Stellschrauben‘ gleichzeitig zu drehen“, sagt Hanna Legleitner, die als Mitglied der Geschäftsleitung mittlerweile regelmäßig auf Podiumsdiskussionen spricht und im ständigen Austausch mit den Stakeholdern steht. Um seine Forderungen an die Politik durchzusetzen, hat sich RESTLOS GLÜCKLICH mit anderen Organisationen und Unternehmen zusammengetan und 2019 das „Bündnis Lebensmittelrettung“ gegründet. Die Aktivisten wünschen sich zum Beispiel eine Anpassung des Mindesthaltbarkeitsdatums, ein Wegwerfverbot für Supermärkte und mehr verpflichtende Ernährungsbildung in Schulen, um kommende Generationen für das Thema zu sensibilisieren.
Wir können nicht alles essen
„Weltweit werden Lebensmittel für 12 Milliarden Menschen produziert. Selbst wenn wir alles retten würden, wir könnten gar nicht alles essen.“ – David Jans, Foodsharing e . V .
David Jans
Mit von der Partie ist auch Foodsharing e. V., die größte deutsche Initiative gegen Lebensmittelverschwendung. David Jans ist schon seit acht Jahren dabei. Er ist Vorstandsmitglied aus Köln und von politischer Kommunikation bis Weiterbildung auf allen Ebenen aktiv. Seine Motivation ist klar: „Weltweit werden Lebensmittel für 12 Milliarden Menschen produziert. Selbst wenn wir alles retten würden, wir könnten gar nicht alles essen.“ Ein massives Ungleichgewicht, das direkte Auswirkungen auf unser Klima hat: Mit jedem nicht konsumierten Lebensmittel werden unnötige Ressourcen wie Wasser, Land oder Energie verschwendet und eigentlich vermeidbare Treibhausgase ausgestoßen. Mit seinen 75.000 ehrenamtlichen Helfern kämpft Foodsharing e. V. täglich gegen die Überproduktion. Das Team rettet übrig gebliebene Lebensmittel von Bäckereien, Supermärkten, Betrieben oder Restaurants und verteilt sie an soziale Einrichtungen, im privaten Umfeld oder über „Fair-Teiler“ – öffentlich zugängliche Regale und Kühlschränke zum Lebensmitteltausch. „Jeder Foodsaver hat sein eigenes Netzwerk, so können wir schnell und lokal reagieren. Manchmal retten wir sogar bei der Tafel oder in Obdachlosenheimen. Das ist völlig absurd und zeigt die geringe Wertschätzung, die Lebensmittel bei uns haben“, berichtet Jans.
Um gemeinsam eine Lösung zu finden, sitzt der Aktivist regelmäßig am runden Tisch mit Politik, Industrie und Handel – und erlebt mitunter auch frustrierende Momente: „Da liegen alle Fakten auf dem Tisch. Wir wissen alle, dass sich etwas ändern muss, aber wir kommen einfach nicht ins Handeln.“ Dennoch bleibt der Foodsaver optimistisch, denn das Interesse für Klimaschutz in der Bevölkerung wächst – insbesondere bei jungen Menschen. „Es wachsen neue Generationen heran. Themen wie Fliegen oder Fleischkonsum bekommen neue Aufmerksamkeit. Das macht mir Hoffnung und treibt mich an weiterzukämpfen“, fasst David Jans zusammen, was vielen Foodwaste-Kämpfern auf der ganzen Welt Hoffnung macht. Sie kämpfen für eine Zukunft ohne Verschwendung und ohne unnötige Belastung der Umwelt. Eine Zukunft, in der auch die Lebensmitteldose eine Rolle spielen wird. Denn sie schützt nicht nur wertvolle Nahrung, sie schont auch auf andere Weise Ressourcen: Der Stahl, aus dem Dosen gefertigt werden, kann unendlich oft recycelt werden und andere Formen annehmen – vom Flugzeugteil bis zur Schiffsschraube. Rohstoffe, die für die Dosenherstellung eingesetzt werden, gehen also nicht verloren, sondern stehen auch noch künftigen Generationen zur Verfügung. Ganz nach dem Motto: „Verwenden statt Verbrauchen“. Damit ist die Weißblechdose selbst in jeder Hinsicht ein Foodwaste-Kämpfer – und das schon seit mehr als 200 Jahren.
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