Hauchdünner Stahl mit eingestanzten Rillen – auf den Punkt in Form gebracht. Klingt nach der Lebensmitteldose? Ist aber nicht der Fall! Die Rede ist hier von einem Designer stuhl des Künstlerduos „Lennart Lauren“. Ein Kunstwerk, dass die Schönheit und Funktionalität der Dose in einem Möbelstück vereint. Schlicht und doch tiefgehend.

Von Mona Fornol

Manchmal erkennt man das Besondere an einer Sache erst, wenn man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Und manchmal muss man erst auf einem Stuhl aus papierdünnem Stahl sitzen, um zu begreifen: Die Lebensmitteldose ist ein technisches Wunderwerk unvergleichlicher Art – leicht und dennoch extrem robust. Ein Fakt, der auch das niederländische Künstlerduo Lennart Lauren von Anfang an fasziniert hat.

Doch beginnen wir am Anfang: Lennart und Lauren Leerdam wuchsen in der malerischen Altstadt von Deventer auf, einer der ältesten Städte der Niederlande. Nach einem Designstudium in Eindhoven kehrten die beiden in ihre Heimat zurück, stets auf der Suche nach Inspirationen für ihre Kunst. Und diese lag direkt vor der Haustür. Deventer war schon immer ein wichtiger Industriestandort, insbesondere im Bereich der Druck- und Verpackungstechnik, und genau aus diesen Produktionsprozessen schöpfen die jungen Designer ihre Ideen: „Die Industrie ist eine faszinierende Welt, die immer wieder Neues schafft. Und dazu nutzt sie clevere Techniken, die dem normalen Menschen zumeist verborgen bleiben“, erklärt Lennart. Wie aus einer Rolle Stahl einmal eine Lebensmitteldose werden soll, war auch für die Brüder ein Rätsel. Bis zu dem Tag, an dem sie eine der größten Firmen in Deventer besuchten: den Konservenhersteller Thomassen & Drijver-Verblifa, heute Ardagh Group. Hier konnten die Niederländer mit eigenen Augen sehen, wie sich ein scheinbar schwaches Material in eine stabile Form verwandelt. Von Produktionsschritt zu Produktionsschritt tauchten Lennart und Lauren in die Welt der Dosenherstellung ein und löcherten die Angestellten mit ihren Fragen.

Zurück im Atelier begannen die Brüder gleich mit ihrer kreativen Arbeit. In den nächsten Wochen wurde getüftelt und geformt, es entstanden reihenweise Prototypen und sogar Maschinen, eigens für die Herstellung ihrer Dosenkunst. Dass am Ende ein Stuhl dabei herauskommen würde, war den Designern zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, wohl aber, dass sie es mit einer ganz besonderen Verpackung zu tun hatten: „Die Lebensmitteldose ist eine der größten Erfindungen der industriellen Massenproduktion. Und auch wenn sie nach einem simplen Produkt aussieht, steckt die Dose voll wunderbarer Details, die alle eine bestimmte Funktion haben. Wir müssen sie nur erkennen“, erzählt Lennart begeistert.

Bei der Entstehung des „Paperthin Stool“ ließen sich Lennart und Lauren nicht nur vom modernen Produktionsprozess der Lebensmitteldose inspirieren: Auch die alten Maschinen und Handgriffe waren es, die sich die Brüder zunutze machten, denn schließlich geht es hier um Kunst, um Handarbeit und nicht um Großproduktion. Und: Es geht um Mathematik. Nur durch die exakte Verformung des Stahls wird der Stuhl später einmal so stabil, dass er ohne Probleme ein Gewicht von 90 Kilo und mehr tragen kann. Die Technik, die dies ermöglicht, begegnet uns auch im Flugzeugbau oder bei großen Gebäudekonstruktionen, zum Beispiel der Oper in Sydney.  Gemeint ist das sogenannte „Thin-shell“-Prinzip, bei dem dünne Schalenelemente basierend auf mathematischen Berechnungen zu einem massiven Konstrukt zusammengefügt werden. Und so waren es viele ausgiebige Gespräche mit alten und jungen Mitarbeitern der Dosenfabrik und exakte Analysen am PC, die den „Paperthin Stool“ am Ende zum Leben erweckten. „Der Stuhl zeigt auf nüchterne, funktionale Weise, wie mit einfachen Mitteln – nämlich reiner Menschenkraft – Schwäche in Stärke verwandelt wird. Auch wenn wir ein komplett neues Produkt geschaffen haben, spiegelt der Stuhl dennoch den innovativen, essentiellen Charakter der Lebensmitteldose wider“, fasst Lennart zusammen.

Auf wie viel Begeisterung die Brüder mit ihrem eigenwilligen Möbelstück stoßen, hätten sie sich nie erträumt. Mittlerweile können sich die beiden vor Anfragen kaum noch retten. Das ganze Jahr über touren sie durch die großen Designmessen Europas. 2018 landen sie mit ihrem Kunstwerk auf der Shortlist des internationalen Nachwuchswettbewerbs „ein&zwanzig“ – und schaffen es unter die 21 Gewinner. Jede freie Minute nutzen Lennart und Lauren für die Produktion neuer Stühle, denn bisher fertigen sie jeden „Paperthin Stool“ per Hand in ihrem eigenen Atelier. In Zukunft möchte das Künstlerduo die Produktion auslagern, um sich neuen Kreationen widmen zu können, denn die Dose bietet noch jede Menge Stoff – genug für die nächsten Jahre.

Dosendesign aus Holland

„Paperthin Stool“
Designduo Lennart Lauren
Preis: 420 Euro
www.lennartlauren.com

Wer sich den „Paperthin Stool“ in natura ansehen möchte,
schaut einfach im Atelier vorbei:
Lennart Lauren
Hanzeweg 43 A
7418 AV Deventer
Niederlande