Erntefrisch vom Feld auf den Teller: Gemüse in der Weißblechverpackung hat eine lange Tradition – und erfindet sich gerade neu. Die Dose macht’s möglich.

Von Mona Fornol 

 

Eng reiht sich Stand an Stand. Menschen wimmeln durcheinander. Marktverkäufer verschiedener Nationen preisen ihre Waren an. Und wo das Auge hinblickt: überall buntes Obst und Gemüse, feinster Käse, frischer Fisch und bestes Fleisch. An der Porta Palazzo in Turin befindet sich der größte Freiluftmarkt Europas. Genau hier nahm eine der größten Erfolgsgeschichten Italiens ihren Anfang. Wir schreiben das Jahr 1850. Der 14-jährige Francesco Cirio, Sohn eines einfachen Getreidehändlers, verdient sich seine ersten Sporen auf dem Turiner Wochenmarkt. Dabei beweist er nicht nur erstaunliches unternehmerisches Geschick, er entdeckt auch seine Leidenschaft für die Welt des Handelns. Damals ist Gemüse aus Italien in anderen Ländern noch wenig verbreitet. Doch die Nachfrage auf den großen Märkten in London und Paris steigt. Francesco Cirio erkennt die Entwicklung und gründet eine Handelsgesellschaft, um frisches italienisches Obst und Gemüse im Norden zu vertreiben. Bald schon ist er der wichtigste
Agrarexporteur ganz Italiens.

Doch die langen Transportwege erschweren den Export, vor allem in weit entfernte Länder. Auf der Suche nach einer Lösung stößt Cirio auf ein neues Verfahren des Konservierens. 1856 ist der 20-Jährige einer der weltweit Ersten, der die Technik des französischen Erfinders Nicolas Appert einsetzt, um leicht verderbliche Lebensmittel mithilfe der Dose haltbar zu machen. Kurz darauf eröffnet der Italiener sein erstes Werk in Turin und startet den Export mit Dosenerbsen. 1900 ist Cirios Unternehmen bereits einer der größten Lebensmittelhersteller Europas.

Und heute? Auch mehr als ein Jahrhundert später hat die Kultmarke einen festen Platz auf den Tischen Italiens und der ganzen Welt und verliert dennoch nicht den Blick für das Wesentliche: „Eine enge Bindung zu den Landwirten ist heute wichtiger denn je“, erzählt Diego Pariotti, Head of Export Department bei Conserve Italia. „Seit 2004 ist Cirio Teil von Conserve Italia, einer der größten Genossenschaften für Obst- und Gemüseverarbeitung in ganz Europa. Damit ermöglichen wir es nicht nur großen Unternehmen, sondern auch vielen kleinen Familienbetrieben, ihre Ernte in die Supermärkte zu bringen.“ 14.000 Landwirte, organisiert in 47 Kooperativen, sind täglich im Einsatz, um die Welt mit italienischem Obst und Gemüse zu versorgen. In der sicheren Hülle der Lebensmitteldose gelangen so rund 600.000 Tonnen Lebensmittel pro Jahr in 80 Länder der Erde, 60 Prozent davon sind Tomaten.

Ein Großteil der Tomatenbauern haben ihre Felder in der norditalienischen Region Emilia-Romagna, auch bekannt als der „Bauch Italiens“. Das Gebiet gilt als das fruchtbarste und ertragreichste des Landes und ist nicht nur die Heimat saftiger Tomaten, sondern auch berühmter Delikatessen wie Parmaschinken, Mortadella, Aceto Balsamico und Parmesan. Rund 100 Tage dauert es von der Staude bis zur reifen Tomate – doch um den perfekten Erntezeitpunkt zu bestimmen, ist viel Feingefühl nötig. Nicht zu früh darf es sein, nicht zu spät. Ist der große Tag gekommen, muss es ganz schnell gehen, denn die roten Leckerbissen sind sehr sensibel. Mit Maschinen werden die Tomaten geerntet und direkt ins nächstgelegene Werk gebracht. Dafür legen sie nicht mehr als 50 Kilometer zurück. Oft sind es nur wenige, jedoch nie mehr als 15 Stunden vom Feld bis in die Dose. Die Weißblechverpackung versorgt die Menschen auch im Winter mit sommerfrischen Tomaten: „Die Dose schützt die Tomaten vor Licht und Sauerstoff und bewahrt ihre organoleptischen Eigenschaften, also Aspekte wie Geschmack, Farbe, Konsistenz oder Aroma, für einen langen Zeitraum“, erklärt Diego Pariotti. So ist es kein Wunder, dass Dosentomaten in Sachen Nährwerte mit den frischen Kollegen mithalten können, diese häufig sogar übertreffen.

Seit Jahrzehnten eng mit der Lebensmitteldose verbunden ist auch der französische Hersteller Bonduelle. Mittlerweile beliefert das Familienunternehmen 100 Länder und zeigt, dass sich auch Trend-Gemüse wie Kürbis, Süßkartoffeln oder Rote Beete bestens mit der Dose verträgt. Auf 128.000 Hektar weltweit bauen rund 3.490 Landwirte Gemüse für den Lebensmittelhersteller an. Die Bauern unterzeichnen eine Landwirtschafts-Charta, die weit über die gesetzlichen Vor gaben hinausgeht. „Durch die Anwendung schonender Anbau- und Erntetechniken werden Böden und Umwelt so wenig wie möglich belastet. Die Düngung unseres Gemüses erfolgt nach dem Grundsatz: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Damit alles im Gleichgewicht bleibt, unterliegt jede Zugabe strengen Kontrollen. Darüber hinaus verzichten wir konsequent auf den Einsatz von Gentechnik“, berichtet Fabrice Renaudeau, Geschäftsführer von Bonduelle Deutschland. Nach der Ernte sind es nicht einmal 24 Stunden, bis die gewaschenen und blanchierten Champignons, Bohnen und Co. bei 130 Grad in der Dose haltbar gemacht werden.

Ob Gemüse in Bioqualität oder Superfood wie Bohnen, Kichererbsen und Linsen: Was bei Bonduelle in der Dose landet, bestimmen nicht zuletzt auch aktuelle Entwicklungen wie der Convenience-Trend: Laut der Markt-Media-Studie VuMA Touchpoints essen 1,67 Millionen Menschen in Deutschland mehrmals pro Woche fertige Hauptmahlzeiten. Bonduelle Ratatouille bedient diesen Trend. Das neue Fertiggericht bringt nicht nur französischen Genuss in die Dose, sondern fällt vor allem wegen seiner außergewöhnlichen Form ins Auge: Eckig statt rund präsentiert sich die Weißblechverpackung.

Wie sich die steigende Nachfrage nach Convenience Produkten mit dem Bio-Boom vereinen lässt, zeigt der Private-Label-Produzent NABA. Seit 1995 ist das
Familienunternehmen im Bio-Segment tätig und zeigt heute erfolgreich, dass Dose und bio perfekt zusammenpassen. „Wenn Otto Normalverbraucher an bio denkt, kommt ihm meistens frisches Gemüse vom Bauern in der Nähe in den Sinn und wohl in den seltensten Fällen Dosenprodukte. Dabei ist der Biogedanke bei haltbaren Produkten besonders wichtig: Konservierungsstoffe und Geschmacksverstärker sind hier nämlich gänzlich verboten. Wir nutzen zur Haltbarmachung die Autoklavierung und können somit in unseren Dosenprodukten komplett auf Konservierungsstoffe verzichten“, erzählt Donata von Reiche, Presseverantwortliche sowie Mitgesellschafterin bei NABA und Tochter des Firmengründers.

Von Suppen und Eintöpfen über Chutneys und Saucen bis hin zu Brotaufstrichen: Rund 1.000 verschiedene Produkte sind bereits in den Werken von NABA entstanden. Nahezu alle sind zu 100 Prozent bio, die meisten zudem noch vegetarisch oder vegan – ein klares Statement für bewusste und gesunde Ernährung, hinter dem die ganze Familie steht: „Meine Mutter war schon immer sehr ernährungs- und umweltbewusst und hat vegetarisch gekocht. Zutaten wie Quinoa oder Buchweizen kamen bei uns schon auf den Tisch, bevor der ganze Hype entstand. Damit hat sie die Entwicklung von NABA maßgeblich beeinflusst“, erinnert sich Donata, die ebenso wie ihre Schwester inzwischen selbst im Unternehmen tätig ist. Die beiden Schwestern eröffneten 2017 ein kleines Office in Berlin, von wo aus sie sich um ein echtes Herzensprojekt kümmern: Nabio, eine Eigenmarke von NABA, die sich vor allem an die junge Zielgruppe richtet. Mit veganen Trend- Produkten aus der Dose möchten die Schwestern die Verpackung dem jüngeren Publikum näherbringen.

Die Dosengerichte von Nabio, darunter Linsen- oder Erbseneintopf, Ricotta-Ravioli oder Chili con Quinoa, richten sich an junge Menschen mit einem bewussten Lebensstil: „Die junge Generation legt immer mehr Wert auf Achtsamkeit – in Bezug auf die Natur und auf sich selbst. Man möchte sich und der Umwelt Gutes tun. Gesunde Ernährung ist dabei ein wichtiger Aspekt und gerade dafür fehlt bei den flexiblen Lebensstilen häufig die Zeit. Hier setzen wir mit Nabio an und bieten quasi Fastfood für Ernährungsbewusste“, berichtet Donata über eine Entwicklung, die auch Studien belegen. Der Wunsch nach Essen, das nicht nur gut schmeckt, sondern auch dem Körper Gutes tut, steigt. Als „Eating for Me“ bezeichnet das Marktforschungsunternehmen Innova Market Insights diesen Trend und ordnet ihn auf Platz sechs der Top Ten-Trends für 2019 ein. Auf Platz eins stehen die Abenteuerlust der Verbraucher und das Verlangen nach neuen, exotischen Geschmackserlebnissen. Dem begegnet Nabio mit Kreationen wie Rote-Beete-Suppe mit Kokos und Birne, Jackfruit-Gulasch in der Dose oder Veggie- Bowls zum Mitnehmen.

Plastikverpackungen sucht man bei dem Thüringer Unternehmen vergebens: „Aufgrund der besseren Ökobilanz fokussieren wir uns ganz bewusst auf Glas und Lebensmitteldosen, wobei Dosen sogar noch einen besseren CO2-Abdruck haben. Sie sind zudem lichtundurchlässig, leichter im Transport und es gibt keine Gefahr für Glasbruch“, erläutert Donata. Um den jungen Kunden die Weißblechverpackung schmackhaft zu machen, geht Nabio auch in Sachen Design neue Wege und platziert auf den Dosen keine Fotos der Gerichte, sondern verspielte Illustrationen. Der Fokus liegt natürlich trotzdem auf dem Geschmack, weshalb das Familienunternehmen neue, besonders schonende Verfahren der Sterilisation und Pasteurisation einsetzt. Durch geringere Hitze bleiben die Zutaten knackiger, was bei so manchem Käufer sicher für ein Aha-Erlebnis sorgt. Überraschen sollen auch die neuen Geschmackskombinationen, die übrigens nicht nur aus der Produktentwicklung stammen, wie Donata erzählt: „Jeder kann Ideen einbringen. Ich hatte zum Beispiel letztes Jahr zusammen mit einer Praktikantin die Idee zu einer indischen Chana-Masala-Sauce, die überall super angekommen ist und jetzt zum Sortiment gehört.“ Mit welchen Kreationen die Dosenprofis in Zukunft die junge Generation begeistern wollen, dürfen wir gespannt erwarten.