Bei dem Wort Astronautennahrung denkt man nicht gerade an Gourmetgerichte, sondern eher an Geschmacksbefreite, pürierte Lebensmittel aus der Tube. Und ganz Falsch liegt man bei diesem Gedanken tatsächlich nicht. Gerade zu Beginn der Raumfahrt war die Verpflegung hauptsächlich darauf ausgelegt, die Astronauten mit den nötigen Nährstoffen zu versorgen. Der Geschmack allerdings blieb dabei meist auf der Strecke – von Genuss gar nicht erst zu reden.

Von Thea Mengeler

 

Mit den ersten Lebensmitteldosen hielt in den 1970er Jahren endlich besserer Geschmack Einzug in die Raumfahrt. Eines dieser Gerichte trägt sogar seinen außerirdischen Einsatz im Namen: Die „Moon Soup“ flog zum ersten Mal mit der Besatzung von Apollo 15 Richtung Mond und kam bei den Astronauten ziemlich gut an. Wahre Raumfahrt-Fans können diese Weltraum-Spezialität sogar selbst ausprobieren, denn im Kennedy Space Center wird die „Moon Soup“ noch heute im Souvenir-Shop verkauft. Doch auch wenn sich seit Beginn der bemannten Raumfahrt die kulinarische Situation etwas verbessert hat – die meisten Gerichte sind nach wie vor eher langweilig und von der Sterneküche weit entfernt. Eigentlich kaum zu glauben, dass das Thema Ernährung bisher so stiefmütterlich behandelt wurde, wo doch Essen für uns Menschen so viel mehr ist als nur die Versorgung mit Nährstoffen.

 

Genau dieser Meinung war auch der britische Sternekoch Heston Blumenthal, der für seine Experimentierfreude und seine innovativen Gerichte bekannt ist. In Zusammenarbeit mit der „UK Space Agency“ machte Blumenthal sich deshalb daran, völlig neue Gerichte für die Raumfahrt zu entwickeln. Das zweijährige Projekt wurde von dem britischen Fernsehsender Channel 4 begleitet und 2016 unter dem Titel „Heston’s Dinner in Space“ gesendet. Im Mittelpunkt der Sendung stand neben dem Sternekoch auch der Astronaut Timothy Nigel („Tim“) Peake, für den Blumenthal sieben spezielle Gerichte entwickelte. Die besondere Herausforderung dabei war nicht nur, den Geschmack der Weltraum-Nahrung zu verbessern. Blumenthal hatte sich außerdem vorgenommen, Gerichte zu kreieren, die Tim Peake an seine Heimat und seine Familie erinnern würden – damit der Astronaut sich während seines sechsmonatigen Aufenthalts auf der ISS zumindest kulinarisch wie zu Hause fühlen konnte. Die Realisierung dieser Idee stellte sich jedoch als ziemlich problematisch heraus, denn gerade die scheinbar einfachsten Speisen waren die größte Herausforderung. Das komplizierteste Gericht: ein Sandwich mit Speck.

Zeichnung einer Dose auf dem Mond

© Uwe Watschounek, Getty Images

Die Entwicklung der Menüs war deshalb so schwierig, weil es bei Weltraum-Nahrung gleich mehrere Hürden zu überwinden gilt: Stimmt die Konsistenz nicht, kann sich das Essen im Raum ausbreiten und womöglich wichtige Instrumente beschädigen. Deshalb war jegliche Art von Brot bisher auf Raumstationen verboten, denn die Krümel stellten eine zu große Gefahr dar. Außerdem müssen alle Lebensmittel ultraheiß erhitzt werden, um die Bildung von Bakterien ausschließen zu können. Und auch die Geschmacksrezeptoren funktionieren im All anders, weshalb die Gerichte stärker gewürzt werden müssen als auf der Erde. Keine leichte Aufgabe für Heston Blumenthal. Dazu kam noch die Frage, wie sich die Gerichte am besten verpacken ließen. Nach einigen Experimenten war zumindest dieses Problem gelöst: Blumenthal entschied sich, alle seine Weltraum-Menüs in Weißblechdosen zu servieren. Diese Entscheidung fiel einerseits aus Gründen der Sicherheit, denn Dosen ermöglichen eine lange Haltbarkeit der Lebensmittel, und andererseits, weil sich die Textur und der Geschmack von Blumenthals Gerichten in Dosen am besten aufrechterhalten ließen.

 

Und so machten sich schließlich 40 Dosen mit eigens für Tim Peake entwickelten Speisen auf den Weg zur ISS. Darunter das bereits erwähnte Speck-Sandwich, aber auch exotischere Gerichte wie „Rotes Curry mit Reis“, „Bambussprossen und Chili“ oder „Rindfleisch mit Trüffeln“. Wie Tim Peake die Spezialitäten schmeckten, davon konnte sich Blumenthal dann auch bald persönlich überzeugen – bei einem außerirdischen Dinner mit dem Astronauten. Etwa 500 Kilometer voneinander entfernt und mit jeweils 20 Sekunden Verzögerung unterhielten die beiden sich darüber, welche Gerichte Peake besonders gut geschmeckt hatten. Und das Ergebnis? Tim Peake wünschte sich mehr von Blumenthals Gourmetkonserven und vor allem: mehr Speck-Sandwiches!

 

Mit diesem außergewöhnlichen Projekt hat die Raumfahrt einen großen Schritt gemacht, um Genuss auch ins Weltall zu bringen. Doch damit ist die Entwicklung noch lange nicht abgeschlossen. Auch in Zukunft wird die gesunde und vor allem leckere Ernährung im All mit Sicherheit noch eine große Rolle spielen. Und die Lebensmitteldose wird bei dieser Entwicklung ganz vorn mit dabei sein! Denn auch bei dem nächsten großen Ziel der Raumfahrt – dem ersten bemannten Flug zum Mars – ist die Lebensmitteldose an Bord. Bei einer achtmonatigen Mars-Simulation auf Hawaii im Jahr 2017 verpflegte sich die sechsköpfige Besatzung mit gefriergetrockneten Gerichten, selbstgezogenem Gemüse – und mit Speisen aus Lebensmitteldosen. Wir dürfen also davon ausgehen, dass sich die Weißblechdose bald wieder auf den Weg ins Weltall macht.

 

 

Mehr über „HESTON’S DINNER IN SPACE“:

www.channel4.com/programmes/hestons-dinner-in-space

Mehr über „DIE MARS-MISSION 2017“:

www.hi-seas.org